Sprechen und Wirken I

Das FemCamp Wien 2014 hat sich für seine Veranstaltung eine Hausordnung (neudeutsch: “Policy“) gegeben und diese schon im Vorfeld angewandt: bereits angemeldete Gäste wurden durch die Organisatoren aufgrund vergangener und vermuteter zukünftiger Erfahrungen wieder ausgeladen. Unter anderem Christopher Clay hat diese Praxis in einem Blogpost verteidigt, Tanja Paar wiederum in einem Beitrag für diestandard.at kritisiert.

Wie ungewöhnlich ist das denn? Eine Veranstaltung gibt sich eine Hausordnung und diese Hausordnung ist nicht nur geklöppelter Sinnspruch nahe des häuslichen Herrgottswinkels, sondern wird auch exekutiert. Das “Hausrecht” ist nicht nur Privileg, sondern auch Verpflichtung, und wer eine Veranstaltung organisiert, hat vor allem die Pflicht, die teilnehmenden Gäste vor einander und vor Dritten zu schützen, in letzter Konsequenz durch ein temporäres oder dauerhaftes Hausverbot. Die Policydes FemCamp Wien 2014 formuliert nichts, was nicht nur konsensfähig, sondern sogar gesellschaftlicher Konsens und gesetzliche Grundlage wäre: Auf keiner der zu Tausenden in Wien stattfindenden Veranstaltungen und an keinem Ort ist Platz für “Störungen bzw. Belästigungen oder übergriffiges Verhalten” (bzw. Einschüchterung, Stalking, unangebrachten und ungewollten Körperkontakt sowie sexuelle Belästigung). Und bei vielen Veranstaltungen sind Bild- oder Tonaufnahmen gänzlich aus urheberrechtlichen Gründen untersagt (von den persönlichkreitsrechtlichen Aspekten ganz abgesehen). Daß die Hausordnung diese Selbstverständlichkeiten ausdrücklich zur Sprache bringt, irritiert natürlich und mag auch den ein oder anderen provozieren, wie die Aufforderung “Bitte nicht auf den Boden spucken!” einen darüber nachdenken läßt, ob man nicht vielleicht doch … ?

Die inhaltliche Vorgabe, eine Veranstaltung zu sein, die gleichgesinnten Menschen Raum geben soll, über queer-feministische Themen miteinander in Diskurs zu treten, muß nicht implizit bedeuten, daß auch die Infragestellung queer-feministischer Thesen oder des Feminismus als ganzes Theoriengebäude dort ihren Platz hat. Wer auf einer Veranstaltung der Slow-Food-Bewegung ein Loblied auf Tiefühlkost und “Convenience Food” anstimmt oder in einer Bibelgruppe, die sich der Auslegung der Daniel-Apokalypse widmet, darauf insistiert zu erfahren, ob Jesus von Nazareth homosexuell war, darf sich über offene Ablehnung oder gar Ausschluß nicht wundern. Selbst im “Fight Club” (Chuck Palahniuk 1996, Filmfassung USA 1999) gibt es Regeln, deren Mißachtung sanktioniert wird, und wer Gewaltanwendung prinzipiell ablehnt, ist dort am falschen Ort.

Was der nicht nur unter dem Hashtag #femcampwien ausgetragenen Diskussion zugrundeliegt, ist also von geradezu erschreckender Gewöhnlichkeit, den Wunsch, “entre nous” Themen der Wahl unter eigener Perspektive mit Gleichgesinnten zu diskutieren, hegen viele Menschen und ich kann nicht erkennen, was daran unberechtigt sein sollte: Was ist also schiefgelaufen? Wieso ist, was in jeder Diskothek und auf jeder Privatparty selbstverständlich gilt, doch Anlaß zu aufgeregten Diskussionen, Beschuldigungen und Verteidigungen?

Einen Hinweis kann uns vielleicht u.a. die Kritik von Lena Doppel geben, die mir gerade nicht für Pawlow’sche Aufgeregtheit bekannt ist: Sie meint, das “FemCamp” sei (meine Wortwahl:) ein Etikettenschwindel, denn indem im Vorfeld ein Gast ausgeladen wurde, sei eine der Grundregeln des “BarCamp” – persönliche und inhaltliche Offenheit – verletzt worden: zum “FemCamp” könne eben nicht jeder kommen, der wolle, und nicht jeder jedes zugehörige Thema präsentiert werden. Wir könnten dagegen halten, daß es hinreichend ist, um ein “feministisches BarCamp” zu organisieren, daß die innere Organisation der Veranstaltung bestimmungsmäßig die eines BarCamps ist, da ja die Angehörigen der angesprochenen Zielgruppe frei Themen im Rahmen der Veranstaltung präsentieren können.

Ähnlich argumentiert Christopher Clay (“Wenn man Offenheit mit Einschränkungen erkämpfen muß“), wenn er auf das erklärte Selbstverständnis des “FemCamp” hinweist. Die Antithese “Offenheit” versus “Einschränkung”ist zwar sprachlich reizvoll, jedoch muß man sich im Klaren darüber sein, daß die Verallgemeinerung von “Offenheit durch Einschränkung” nichts anderes bedeutet als “Der Zweck heiligt die Mittel”. Es mag ihm gegenüber billig erscheinen, aber die gestern auch in Österreich verworfene Vorratsdatenspeicherung und auch die geheimdienstliche flächendeckende Kommunikationsüberwachung wird ähnlich begründet: Das höherstehende Ziel der Offenheit der freien und demokratischen Bürgergesellschaft rechtfertige die Einschränkung von Bürgerrechten.

Unsere menschliche Gesellschaft basiert auf dem stets auszubalancierenden Verhältnis von Eigenwohl und Gemeinwohl. Und um uns einander ein größtmögliches Maß an Gestaltungs- und Entfaltungsfreiheit zu geben, müssen wir uns Regeln und damit Einschränkungen auferlegen und uns ihnen unterwerfen. “Wenn es eine Minderheit an Personen gibt, die durch ihr Verhalten potenziell Menschen von der Teilnahme abschrecken”, schreibt Christopher Clay, “ist eine Veranstaltung offener, wenn sie nicht daran teilnehmen”. Das Telos, einen herrschaftsfreien Raum zu schaffen, kann, so die richtige Beobachtung, nur durch die Anwendung von Herrschaft erreicht werden. In einer Demokratie geht die Herrschaft vom Volk aus, bei einer Veranstaltung von den Verantwortlichen (vulgo “Hausrecht”).

Die Verantwortlichen des “FemCamp” sind sich – aus leidvoller Erfahrung – der Gefahren der conditio sine qua non eines barrierefreien und offenen Zugangs zu einer queer-feministischen Veranstaltung bewußt, Ich habe Informationen zu den Ereignissen in Graz im letzten Jahr nur aus dritter Hand, selbst wenn nur ein Drittel des Berichteten zutrifft, lassen sich die Feinde der liberal-demokratischen und offenen Gesellschaft klar benennen, würden sie sich denn nicht hinter Pseudonymen verbergen.

Allerdings halte ich die Konsequenzen, die die Veranstalter und Organisatoren des “FemCamp” 2014 aus den Vorfällen in Graz und anderswo gezogen haben, für inkonsequent und an der neuerlichen Aufregung trifft sie aus meiner Perspektive darum auch eine handwerkliche Mitverantwortung. Denn sie kombinieren den berechtigten und idealistisch begründeten Anspruch einer offenen und inklusiven Veranstaltung im “BarCamp”-Format mit den berechtigten und realistisch begründeten Mitteln der Interessenswahrung und -durchsetzung zugunsten ihrer Veranstaltung und der Zielgruppe, die sie sich als Teilnehmer wünschen. Daß die eingesetzten Mittel im positiven Sinn den “Zweck geheiligt” zu haben scheinen, läßt sich in dem als exemplarisch für einen empathischen, aber Distanz zum Objekt wahrenden Journalismus geltenden Beitrag von Sibylle Hamann im Falter (26/2014) nachlesen.

Ein Jugendfreund pflegte die Maxime “Trinken, was klar ist; Reden, was wahr ist” (es geht noch weiter, ist aber nicht jugendfrei und von zweifelhafter Moral). Die Veranstalter den “FemCamp” versuchen meiner Meinung nach das Unmögliche, wenn sie einen “inklusiven und gleichzeitig sicheren Raum” schaffen wollen. Denn Inklusion, d.h. “Offenheit für alle” und barrierefreie Partizipationsmöglichkeiten sind die Voraussetzungen, sich auf das Wagnis der Begegnung mit dem Fremden, dem scheinbar Unverständlichen, Widerständigen und Widerspenstigen einzulassen und damit entgegengesetzt zu unserem generellen Sicherheitsbedürfnis und Konsenswunsch. Das “FemCamp” 2014 war ein sicherer, weil auf die Bedürfnisse der Zielgruppe abgestimmter exklusiver Raum. Und das zu Recht und mit Erfolg.

Nachsatz: Handwerklich problematisch empfinde ich die Institutionalisierung eines “Awareness-Teams“. Zum einen, weil ich es als Zeichen für Hierarchie und Herrschaft deute, wenn Entscheidungen ent-personalisiert werden, also nicht Menschen, sondern ein namenloses “Team” Entscheidungen schriftlich mitteilt. Andererseits, weil wir alle die Erfahrung gemacht haben, daß staatliche Sicherheitskräfte oder private “Security” keineswegs notwendigerweise das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen, sondern Unsicherheit, da sie durch ihre Präsenz Herrschaft ausüben (jedenfalls bei mir, weshalb jede Art von “Awareness-Team” ein Kriterium ist, eine Veranstaltung nicht zu besuchen). Es mutet gerade bei in linken Traditionen verwurzelten Gruppen, sagen wir: seltsam an, wenn sie sich derselben Mittel bedienen wie jene, die sie kritisieren.

 

 

4 Antworten

  1. danke, schöne analyse! was könnte denn eine kluge alternative zum awareness team oder dessen vorgangsweise sein um die hausordnung durchzusetzen?

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  2. Ich hätte da bei einer solch’ überschaubaren Teilnehmerzahl auf gemeinsame selbstorganisierende Aufmerksamkeit aller Anwesenden gesetzt. Bei einem “BarCamp” sollen ja alle etwas aktiv beitragen …

    Nur im Falle von uneinsichtiger Renitenz Einzelner hätte ich vielleicht vorsorglich mit einem Menschen von vitaler physischer und psychischer Präsenz vereinbart vorab oder nach Situation, einzugreifen.

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  3. Danke für deinen Beitrag. Ich nehme daraus einiges mit.

    Deine Kritik am Konzept des Awarenessteams würde ich gerne besser verstehen. Ich sehe deinen Punkt mit der Ent-Personalisierung durchaus, und stimme zu, dass dadurch eine explizite Hierarchie entsteht, die auch kritisch zu betrachten ist. Allerdings sind mir explizite Zuständigkeiten in dem Fall lieber, als dass alles stattdessen über implizite Hierarchien läuft (Wer ist im Zweifelsfall stark/privilegiert genug, zu handeln oder zu unterstützen? Wer hat den stärkeren sozialen Rückhalt und findet somit eine Ansprechperson/Unterstützung?), oder dass Vorfälle überhaupt nicht sichtbar werden bzw sich niemand darum kümmert, weil die Orga mit 1000 anderen Aufgaben gestresst ist. Und Hierarchien, die sichtbar/explizit sind, können wenigstens angesprochen und ggf kritisiert werden.
    Ich würde mich über weitere Ausführungen dazu, was du als Alternative bevorzugen würdest, sehr freuen.

    Den Vergleich mit den staatlichen Sicherheitskräften finde ich übrigens spannend. Ich denke schon, dass das Awarenessteam bei der Zielgruppe ein Sicherheitsgefühl hervorruft, eben weil es eine Anlaufstelle für Vorfälle gibt, wo sie ernst genommen werden. Und das ist von “Securitys” ja im allgemeinen nicht unbedingt zu erwarten, da fehlt die Empathiekomponente. ;)

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  4. Hallo, der Einwand der “Entpersonalisieren” betrifft konkret das Absageschreiben an Roland Giersig (Link oben), das mit ” Beste Grüße, das Awarenessteam” unterzeichnet ist. Selbst Telkos, die ja bekanntlich den Kunden-Service nicht erfunden haben, unterschreiben ihre Briefe mit Vor- und Familiennamen, und das “gehört sich” für mich auch so, wenn man seinem Gegenüber signalisieren will, einander auf Augenhöhe zu begegnen.

    Ich war nun nicht beim FemCamp im Aux Gazelles, aber ich habe nicht gelesen, daß es zu Situationen kam, bei denen sich das “Awareness-Team” zu installieren zwingend als richtig und notwendig gezeigt hätte. Man kann natürlich sagen, alleine die Anwesenheit des Teams hätte vorbeugend eskalierend gewirkt und für “awareness” gesorgt, aber das ist die Sache mit dem Mann, der durch die Gassen geht und in die Hände klatscht: Auf die Frage, warum er das tue, antwortet er: wegen den Elefanten. Es seien aber keine Elefanten zu sehen, wird ihm erwidert. Eben darum, meint er Mann. (Siehe Paul Watzlawick)

    Das man bei einer Veranstaltung jemand für Konflikte und “Sicherheit” zuständig erklärt, ist sicherlich sinnvoll, das will ich trotz meiner Präferenz für Selbstorganisation nicht in Frage stellen. Aber braucht es dazu gleich ein ganzes Team und braucht es Leiberl mit dem Aufdruck “Awarenessteam”?

    Die Präsenz von privaten oder eben staatlichen Ordnungskräften ist immer zweigesichtig: einerseits erhöht eine Präsenz natürlich bei einigen Menschen deren subjektive Sicherheit, andererseits besteht die Möglichkeit, daß die mit der Präsenz einhergehende Beobachtung und Kontrolle bei den Anwesenden auch eine Schere im Kopf in Gang setzt und somit auch “unbedenkliches Handeln” im Vorfeld verhindern kann.

    Ich mache mir keine Illusionen, daß bei einer bestimmten Art von Publikum und ab einer bestimmten kritischen Menschenmenge Ordnungs- und Sicherheitskräfte zwingend notwendig sind, um Ordnung und Sicherheit zugunsten aller Beteiligten aufrecht zu halten und im Zweifel durchzusetzen.

    Andererseits dürfen wir auch Sicherheit oder “awareness” (Aufmerksamkeit, Sensibilität) nicht an Dritte auslagern oder uns daran gewöhnen, daß andere für uns handeln. Zivilcourage und offene Solidarität im öffentlichen oder privaten Raum sind sind meiner Auffassung nach wichtige soziale Techniken, die wir Menschen üben und einüben müssen.

    Wir haben (= ich habe) in der Schule gelernt, wie man im öffentlichen Raum bei Belästigung oder körperlicher Gewaltandrohung als Schüler reagiert: andere Menschen persönlich ansprechen und um Hilfe bitten, um sie so zu involvieren und mitverantwortlich zu machen.

    Gerade im kleinen, überschaubaren Raum des FemCamp Wien glaube ich, daß alle Beteiligten mehr von der Förderung und Erfahrung mitverantwortlicher Zivilcourage profitieren würden, anstelle diese Zivilcourage als “Service” quasi auszulagern, was in dier Form sowieso auch eine Ausnahmesituation darstellt. (Auch wenn ich gut verstehe, daß man auch Räume braucht, in denen man deutlich zwischen “drinnen” und “draußen” unterscheiden kann, man also einfach “unter sich” ist.)

    Aus meiner – ausdrücklich liberalen – Haltung heraus setze ich weniger auf Intervention von außen oder die zwingende Veränderung des Umfelds, sondern vor allem auf die Stärkung des Individuums (“empowerment”), das heißt natürlich, daß Selbstbewußtsein und Stärke auch durch positive Erfahrungen und Unterstützung von außen gefördert werden müssen, das passiert nicht (von) allein.

    Insofern würde ich a) auf eine “harte Tür” setzen, d.h. ich halte es für legitim, wenn Menschen keinen Zugang zu bestimmten Orten oder Veranstaltungen erhalten (solange die Kriterien objektiv und allgemeingültig sowie nicht sittenwidrig oder menschenrechtsverletzend sind). Und b) würde ich alle Anwesenden quasi zum “Awareness-Team” erklären und zur Zivilcourage zugunsten Dritter aufrufen, um das Selbstbewußtsein aller zu stärken.

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