Sprechen und Wirken II

Ein Sänger hat am 15. Juni 2014 bei einer Sportveranstaltung unsere Bundeshymne nicht in der heute gültigen Fassung von 2012 gesungen. Das hat ihm – neben Lob – auch Kritik seitens der Frauenorganisation der Grünen sowie ein Nachhilfeangebot seitens der Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek eingebracht. 

Eine Sängerin hat am 17. April 2002 bei einer Sportveranstaltung unsere Bundeshymne nicht in der damals gültigen Fassung von 1947 gesungen. Das hat ihr – neben Kritik – auch Lob und einen Blumenstrauß seitens der damaligen Wiener Stadträtin Renate Brauner eingebracht. Der Hinweis auf die Koinzidenz der ungekehrten Reaktionen darf keinesfalls mißvestanden werden als Kritik daran, daß anscheinend “ziviler Ungehorsam” mit zweierlei Maß gemessen wird: praktische Kritik an der “geschlechter-ungerechten” Fassung von 1947 wird gelobt, praktische Kritik an der “geschlechter-gerechten” Fassung von 2012 wird gebannt.

Vielmehr sind es für mich Zeichen eines gelebten und prinzipiell unabgeschlossenene demokratischen Diskurses, der unsere Gesellschaft vor dem Scheintod bewahrt. “Nix is fix” oder philosophischer: “alles fließt” müssen wir mit Blick auf die Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Menschheit feststellen. Ergänzend zu den Prozessen repräsentativer Demokratie werden mit dem Siegeszug des Internets als öffentlichem Raum barrierefreier Partizipation zunehmend Elemente direkter Demokratie und damit aktiver Mitbestimmung und Mitgestaltung von der Bevölkerung gefordert. Parlament und Regierung sind 2010/11 den breiten, den bequemen Weg obrigkeitlicher Minimal-Politik gegangen und gehen ihn nach wie vor unbeirrt und unbeeindruckt vom Interesse der Bevölkerung an Transparenz und Teilhabe. Nun braucht moderne verantwortungsvolle Politik weniger die “Weisheit der Masse” als das “Wissen von Experten”, aber unsere politischen Entscheidungsträger setzen sich wenigstens dem Ruch aus, schlechte Demokraten zu sein, weil sie die Antwort der Bürger fürchten und darum sie diese besser auch nicht fragen.

Mein Verhältnis zur Bundeshymne ist – Überraschung - ein gespaltenes. Einerseits finde ich es faszinierend, daß im wenigstens bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als “erzkatholisch” geltenden Österreich die Melodie des Bundesliedes der Freimaurer, “Brüder, reicht die Hand zum Bunde“, die musikalische Grundlage unserer Nationalhymne ist und beide Hymnen-Komponisten (Johann Holzer und Joseph Haydn) Mitglieder derselben Loge “Zur Eintracht” waren. Andererseits finde ich es bezeichnend, daß die Kaiserhymne Joseph Haydns eine am Beginn aufsteigende Melodieführung besitzt (2 Ganztonschritte), während die Hymne seit 1946 absteigend beginnt (1 Ganztonschritt, 1 Halbtonschritt). Rückschlüsse auf die Geistesverfassung am Beginn der Zweiten Republik sind unbeabsichtigt und dabei rein zufällig.

Daß die Melodie “raffiniert” (auch wenn nachweislich nicht vom Mozart) und damit nicht besonders eingängig ist, also dabei von in der Sangeskunst wenig Bewanderten kaum intuitiv bewältigt werden kann, tut in Gemeinschaft mit der Textgestaltung das übrige: Die Fassung des 3. Verses “Heimat bist Du großer Söhne” ist in ihrer Silben-Aufteilung auf die vorgegebene Tonfolge gewagt (“Hei-mat-bi-ist-Du-gro-ße-er-Söh-ne”) und wurde in der Neufassung nicht verbessert oder an die natürliche Betonung bzw. Betonung angepaßt (“Hei-mat-gro-o-ßer-Töch-ter-und-Söh-ne”). Aber die Hymne ist nun, wie sie ist und es werden nach der Einleitung “Land der Berge, Land am Strome” nicht mehr Menschen erhabenen Blickes mit “La-la-la-la” fortfahren als bisher auch.

Es ist nicht die erste vertane Chance der Politik, wirklich neu zu denken und gerade bei einem nationalen Symbol sich jenseits repräsentativdemokratischer Prozesse der Zustimmung der Bevölkerung und des Konsenses (oder Dissenses) der Gesellschaft zu versichern. Wenn jedoch diejenigen Parlamentarier, die sich für die Textänderungen in der Bundeshymne eingesetzt haben, glaubten, daß mit der Verlautbarung des Bundeshymnengesetzes (BGBl.I Nr. 127/2011) am 27. Dezember 2011 die gesellschaftliche Debatte zum Text der Bundeshymne beendet sei, sie also mit einem “Vindobona locuta, causa finita” hätte aufatmen können, hätten sich von Anfang an getäuscht.

Wir können jenen Sänger und seine Gedanken für verschroben, rückwärtsgewandt und inkompetent halten. Allerdings darf er und darf seine Meinung das auch sein. (Und die Reaktionen darauf dürfen es auch sein.)

Höhere Ansprüche können wir jedoch an die Politik stellen, mit tatsächlich oder vorgeblicher Inkompetenz umzugehen. Und hier müssen wir erkennen, daß die Grünen Frauen und auch Gabriele Heinisch-Hosek ein Musterbeispiel zweifelhafter Haltung und handwerklich schlechter Kommunikation bieten: Die Frauenorganisation der Grünen wartet mit einer sprachlich sehr eigenen Aussendung (“Die Ignoranz der Bundeshymne”) auf, in der sie sich inhaltlich vor allem auf die legistische Position zurückziehen und die Einhaltung geltender “Gesetzesbeschlüsse” fordern. Gewissensfreiheit oder gar “ziviler Ungehorsam”, spielen für sie in dieser Angelegenheit keine Rolle. Die kleine Lernhilfe im Sinne lebenslangen Lernens” der Bildungs- und Frauenministerin ist zwar mit einem “Zwinkern” versehen, läßt aber auch an den gelernten Brotberuf der Ministerin erinnern: “die Frau Oberlehrer belehrt uns” – die minderjährigen Töchter und Söhne Österreichs.*)

Eine solche Inkompetenzkompensationsinkompetenz, wie ich die Reaktion in Anlehnung an Odo Marquard nenne, finde ich jedoch allenthalben in Diskursen und Diskussionen um und über Feminismus, Geschlechterverhältnis und Sprache. Anstelle aktiv zur Kenntnis zu nehmen, daß das Grundrecht auf Meinungsfreiheit und das Prinzip “Menschenwürde durch Selbstbestimmung” konstitutiv für demokratische Diskurse und gesellschaftliche Aushandlungsmechanismen ist und unabhängig vom Inhalt unterschiedslos gilt (mit Ausnahme von Meinungen, die diese Prinzipien und Grundrechte selbst verletzen), werden eigene Positionen verabsolultiert, fremde Positionen verballhornt und schnell gelangt eine mehr als nur persönlich-trotzige Note in die Debatte.

Von ÖVP und SPÖ erwarten wir schon lange keinen aktiven Beitrag mehr zur Stärkung demokratischer Diskurskultur, leider zeigen auch die trotz vitalem Sendungsbewußtsein eigentlich wesenhaft basisdemokratisch und widerständig verfaßten Grünen zunehmend Anzeichen unkreativer Erschöpfung durch Machtwillen. Gesellschaftlicher Fortschritt entsteht nur durch ein Klima der Gedanken- und Meinungsfreiheit und dem Willen, bereits Gedachtes immer wieder vorbehaltlos neu zu denken.

 

*) (Nachtrag 28.06.14, 12:58): Die in der halbneuen Formulierung  “Töchter und Söhne” zum Ausdruck kommende Unterordnung und das erneut sprachlich zementierte paternale Abhängigskeitsverhältnis hat - selbst oder gerade? – die ausdrücklich links-femininistisch fundierte österreichische Politik nicht wirksam infrage gestellt …

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