Wir sind die Unemanzipierten

Kürzlich, das heißt: heute hatte ich in der “blogzeile” mich zur das Sommerloch vorsorglich  antizipierenden Debatte um die Bundeshymne in der Fassung von 2012 geäußert. Dabei habe ich den aus meiner Sicht wesentlichen Kernaspekt des reformierten Hymnen-Textes leider erst nachträglich und ganz am Schluß behandelt. Neueste Entwicklungen - das Auftauchen des Hashtags #wirsinddietoechter - macht ein Update erforderlich.

Ich hoffe, daß man vieles über das Werk von Paula Preradović sagen kann, außer eines: daß ihr Text der Nationalhymne “Land der Berge, Land am Strome” das Beste war, was je ihrem kreativen Geist entsprungen ist.

Als Hoheitszeichen soll die “Bundeshymne der Republik Österreich”, wie sie seit 2012 offiziell heißt, ein Identifikationssymbol für alle Menschen sein, die nicht nur auf Zeit hier leben, sondern in Österreich von Geburt an oder aufgrund des unabänderlichen Laufs des Schicksals ihr Leben gestalten wollen. (Selbst Thomas Bernhard hätte mir hoffentlich zugestimmt: Uns hätte es weit schlimmer treffen können.)

Im Jahr 2011 wurde der Text der Bundeshymne reformiert und der veränderten Zeit sprachlich angepaßt. Hieß es zuvor Österreich, “Heimat bist du großer Söhne” (reimt sich auf “das Schöne”), ist unser Land nun “Heimat großer Töchter und Söhne” (reimt sich wiederum auf  “das Schöne”). Daß mit dieser Formulierung die “heteronormative Zweigeschlechtlichkeit” und der Zwang, sich bei einem der beiden Begriffe einzuordnen und “mitgemeint” zu fühlen, wie die Befürworter der Geschlechtergerechtigkeit es ausdrücken würden, nach wie vor geben ist, wird in Kauf genommen. Denn die geschlechterinklusive Alternative klingt nicht nur nach einem Kalauer, sondern ist auch einer: “Heimat bis du großer Kinder“.

Das Versäumnis der österreichischen Politik und vor allem der links-feministischen Politik, ganz grundsätzlich die Haltung hinter der Formulierung “Töchter und Söhne Österreichs” kritisch zu hinterfragen und das mit einem solchen Text transportierte Bürgerbild zu überdenken, hat mich 2011 und vorher mehr enttäuscht als die stilistisch eher verschlimmbessernde Textreform (mit zugehaltener Nase würde ich genauso schlecht singen).

Den Feminismus verstehe ich als Befreiungsbewegung, zunächst für die Anliegen der Frauen, im weiteren Sinne aber zugunsten aller Menschen. Damit hat – jedenfalls in der Gegenwart unserer westlichen Kultur – der Feminismus das Christentum als sozialpolitische emanzipative wirksame Kraft abgelöst, der (Queer-)Feminismus befruchtet seit längerem das Christentum und nicht umgekehrt. (Die Dinge sind natürlich differenzierter zu betrachten, aber darauf kommt es hier nicht an.)

Feminismus und damit Emanzipation ist die zeitgenössisch umgesetzte Forderung der Aufklärung nach “Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit”, die römische emancipatio war der Rechtsakt, mit dem der zuvor unter der Jurisidiktion des Vaters (pater familias) stehende Sohn ein selbständiges Rechtssubjekt wurde. Weder die Volljährigkeit noch die Heirat des Sohnes beendete die Rechtsherrschaft, sondern das Ausscheiden  des Sohnes aus der Sippe, der gens, beispielsweise durch Adoption einer anderen gens und endete ansonsten erst mit dem Tod des pater familias. (Töchter galten nicht als Rechtssubjekte suae iuris.) [1]

Man muß nicht das Römische Recht kennen, sondern es reicht, sich zu fragen, ob wir alle ein Leben lang über unsere Eltern, als Söhne und Töchter unserer Mütter und Väter definiert werden wollen. Ist der emanzipierte Mensch nicht der selbstbestimmte, der selbstdefinierte Menschen? Ist es nicht ein Anliegen unserer Zeit, daß wir als – wenn auch massentaugliche – Individuen gelten, die für sich das Recht zur Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung in Anspruch nehmen?

Sind wir also Töchter und Söhne Österreichs, nur abhängige Kinder eines obrigkeitlich und paternalistisch verfaßten Staates? Oder sind es nicht vielmehr wir alle, alle in Österreich lebenden Menschen, die gemeinsam dieses Land in Verantwortung, Solidarität und Freiheit miteinander aktiv gestalten?

Wir sind nicht die “Töchter und Söhne” Österreichs, sondern wir sind Österreich.

 

[1] Vgl. Max Kaser, Das Römische Privatrecht (Handbuch der Altertumswissenschaft), § 16, S. 68ff.

1 Antwort

  1. Ob wir uns nun als Söhne oder Töchter verstehen oder nur als Österreich, in jedem der beiden Fälle könnte das Wir das Individuum verschlingen (das, was m.E. Not tut, wäre das Individuum so mit der Gemeinschaft zu verbinden, dass beide ihre berechtigte Existenz erhielten).

    Die Hoffnung, dass der Feminismus der Aufklärung (oder gar dem Denken) dienen könnte, habe ich schon lange nicht mehr (in weiten Teilen zumindest). — Er ist doch längst eine Spielart unreflektierter Interessensartikulation geworden, der es auf einen Ausgleich nicht mehr ankommt.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>